„Weichboden-Mathe“ : Flüchtlingsprojekt

Über Mathematik mit Flüchtlingen ins Gespräch kommen — geht das? Mit dieser Frage hat sich die Klasse 8g im Rahmen der aufkommenden Flüchtlingskrise auseinandergesetzt. Finanzielle oder materielle Hilfe standen nicht zur Debatte; vorstellbar war vielmehr die Weitergabe eines anderen Wertes: Des Bildungswertes.

Passend zum Unterrichtsthema präsentierten die Schüler_innen Gesellschaftsspiele, sodass die Wahrscheinlichkeit einzelner Ereignisse mathematisch nachvollzogen werden konnte. Mit diesem Wissen wurden die Spiele anschließend in Kleingruppen zusammen mit Sprachlerner_innen und Flüchtlingen des GBG und weiterer, umliegender Schulen gespielt.

Im Hinblick auf die Ausbildung für das Lehramt an Gymnasien konnten weiterführende Erfahrungen innerhalb mehrerer Handlungsfelder gemacht werden, wie im Folgenden näher ausgeführt wird. Im Zentrum stehen dabei die Kommunikation und Interaktion mit Schülern (nach APVO: Handlungsfeld 3.2) im Rahmen der Bearbeitung von Konflikten (2.3) sowie die Kooperation mit den Erziehungsbeteiligten (2.4 und 5.3). 

„(…) wo das Fremde uns selbst in
unserer Eigenheit in Frage stellt.“

Waldenfels, Bernhard (1997): Phänomenologie des
Eigenen und des Fremden. In:

Münkler, Herfried / Ladwig, Bernd (Hg.):
Furcht und Faszination. Facetten der Fremdheit.
Berlin: Akademie Verlag 1997, S. 67

 

Projektkonzept

Waldenfels zufolge ist die Erfahrung des Fremden auch immer eine Erfahrung des Eigenen. Die Konfrontation stellt Natürliches in Frage und macht dieses erst wahrnehmbar. Die Fremdheitserfahrung als Bewusstwerdung des Selbst stellt eine pädagogische Säule dar, auf die das vorliegende Projekt fußt. Eine zweite ist das Prinzip ,Lernen durch Lehren’. Eine wahrhaftige Vermittlungssituation sollte geschaffen werden, in der die Schüler_innen die Inhalte selbst durchdringen und anschließend erläutern sollten. Dadurch, dass die Spiele gespielt — bzw. gewonnen — werden wollen, entsteht eine gewisse Verbindlichkeit für die jeweiligen Referenten, ihre Spiele gut aufbereitet zu haben. Die letzte hervorzuhebende Säule bezieht sich auf das soziale Lernen. Das Projekt fungiert dabei als eine Art Plattform, auf der soziales Engagement erprobt und reflektiert werden kann.
Die drei Säulen verdeutlichen, dass dieses Projekt versucht, didaktische Ziele mit sozialer und persönlicher Entwicklung zu verbinden. Eine große Rolle dabei spielt die Zusammenarbeit mit der Stadt Seelze (Abteilung für Soziales und Jugend, Frau Baumeister) und dem Jugendzentrum Letter (Herrn Schlingmann, Frau Wötzel). Die logistische Hürde, Schüler_innen mehrerer Schulen der Region unter ein Dach zu bekommen, und die sozialpädagogische Problematik etwaiger Interferenzen zwischen unterschiedlichen Kulturen, wurden mithilfe dieser Kooperationspartner gewinnbringend entschärft.

Ohne die Zusammenarbeit mit dem Jugendzentrum Letter wäre das Projekt nicht denkbar gewesen. Die Sozialpädagog_innen konnten durch ihre Erfahrung in der Jugendarbeit — gerade mit komplizierten Fällen —  immer wieder helfend, schlichtend und konfliktlösend eingreifen. Es wurden vertrauens- und gemeinschaftsfördernde Spiele (Warm-Ups) angeboten und bei sprachlichen Problemen Verständigungsalternativen (körpersprachlich) aufgezeigt. Immer wieder konnte die Gruppe in kleinere Teilgruppen aufgeteilt werden, sodass verschiedene „Stationen“ gleich-zeitig bearbeitet werden konnten. Gerade die oben erwähnten unangemessenen Verhaltensweisen konnten so aufgefangen und konstruktiv angegangen werden (Einzelgespräche, Beschäftigungsalternativen (etwa Schlagzeug spielen).

Das Projekt wird von Janin Kuhnert mit neuem Schwerpunkt weitergeführt, was die Schüler_innen der Klasse 8g sehr gefreut hat. Die gemeinsame Arbeit läuft nicht Gefahr, direkt nach Projektende zu „verpuffen“; gleichzeitig ist es eine Würdigung des bis hierhin Aufgebauten.

Vielen Dank für das Vertrauen und die Unterstützung — nur so konnte dieses Projekt gelingen.